Wirtschaft, Arbeit und Umwelt
System change – not climate change! Es wird eine grosse Herausforderung unserer Zeit sein, die Klimawende zu schaffen und dies mit einer gerechten Verteilung der Ressourcen und ohne grosse Wohlstandsverluste zu bewรคltigen.
Greta Thunberg an der UN-Klimakonferenz
«Wir mรผssen die fossilen Brennstoffe im Boden lassen und wir mรผssen uns auf Gerechtigkeit konzentrieren. Und wenn Lรถsungen innerhalb des Systems unmรถglich zu finden sind, dann mรผssen wir vielleicht das System selbst verรคndern .โ
Klimawende:
Sind Rationierung und Verbote die bessere Lรถsung?
Der Bundesrat will, dass die Schweiz bis 2050 klimaneutral ist. Das gleiche Ziel setzt sich die EU-Kommission mit ihrem kรผrzlich prรคsentierten ยซGreen Dealยป. Nicht allein die Klimabewegten, auch viele in der Wissenschaft Tรคtige finden die Frist bis 2050 zu lang. Mindestens in wichtigen Teilbereichen, wie zum Beispiel der Heizenergie und dem Verkehr, muss das Ziel Netto-Null viel frรผher erreicht werden, damit das internationale Klimaziel (maximal 1.5 Prozent Erwรคrmung) eingehalten werden kann. Und es braucht sofortige und relativ radikale Massnahmen, wenn dieses Ziel innert nรผtzlicher Frist erreicht werden soll. Der von verschiedenen Stรคdten und Regionen ausgerufene ยซKlimanotstandยป hat deshalb nicht nur Symbolwert. Er soll auch darauf hinweisen, dass wir in einer gravierenden Krise stecken, die durchaus Notstandsmassnahmen bis hin zu einem ยซSystem Changeยป, das heisst einem Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft bedingen.
Die bisher von Regierungen und Parlamenten beschlossenen Massnahmen erscheinen dagegen wenig wirksam um nicht zu sagen lรคcherlich. Hier nur zwei Beispiele: Das Schweizer Parlament hat sich auf eine CO2-Lenkungsabgabe von 12 Rappen pro Liter Treibstoff geeinigt und dies nur dank der nach den Wahlen erstarkten grรผnen Fraktionen. Dies entspricht beim Benzin einem Aufschlag von gerade 7 Prozent. Kaum anzunehmen, dass eine solche Erhรถhung die Mobilitรคtsgewohnheiten entscheidend verรคndert oder dazu fรผhrt, dass schnell auf alternative Antriebssysteme umgestellt wird. In รsterreich hat sich die neue schwarz-grรผne Koalition vorgenommen, die Klimaneutralitรคt bereits 2040 zu erreichen. Das Beispiel der dafรผr u.a. beschlossenen Flugticketabgabe von 12 (!) Euro wirft allerdings die Frage auf, wie ernst solche Zielsetzungen zu nehmen sind. Auch der Handel mit CO2-Zertifikaten, fรผr viele Wirtschaftsliberale der Kรถnigsweg in der Klimadebatte, hat sich bisher als eine wenig wirksame Massnahme zur Reduktion der Treibhausgase erwiesen.
Roosevelts ยซNew Dealยป war auch ein ยซGreen Dealโ
Dabei zeigt die jรผngere Geschichte, wie schnell und radikal eine Volkswirtschaft umgepolt werden kann, wenn nur die Politik es will und wenn die Massnahmen, die dafรผr benรถtigt werden, transparent, fรผr die Bevรถlkerung einsichtig und deshalb auch akzeptabel sind. Zu diesen Voraussetzungen gehรถrt auch eine mรถglichst ยซgerechteยป Lastenverteilung. Dabei wird unter anderem oft auf den in den USA von Franklin D. Roosevelt ab 1933 durchgefรผhrten ยซNew Dealยป verwiesen. Die Weltwirtschaftskrise mit Deflation und hoher Arbeitslosigkeit verlangte damals radikale Massnahmen. Dazu gehรถrten nicht nur Arbeitsbeschaffungsmassnahmen im grossen Stil, vor allem zum Ausbau der รถffentlichen Infrastruktur, sondern auch Finanzmarktregulierungen und Massnahmen zur gerechteren Verteilung von Einkommen und Vermรถgen: die Einfรผhrung eines staatlichen Mindestlohns, eine Hรถchstarbeitszeit von 44 Stunden, eine staatliche Altersrente, eine Unternehmenssteuer und die Erhรถhung des Spitzensteuersatzes fรผr hohe Einkommen auf 79 Prozent, spรคter dann sogar auf 94 (!) Prozent. Das heisst, dass insbesondere die Unternehmen und die Bezรผger hoher Einkommen fรผr die Finanzierung des New Deal zur Kasse gebeten wurden; gleichzeitig wurde die soziale Absicherung gegen unten deutlich verbessert.
Weniger bekannt ist, dass die Regierung Roosevelt damals auch mit einer รถkologischen Krise zu kรคmpfen hatte. Als ยซDust Bowlยป bezeichnete man die Dรผrreperiode, die den mittleren Westen der USA 1935-38 heimsuchte und riesige Landstriche im wahrsten Sinn des Wortes verwรผstete. Wรคhrend der ohnehin prekรคren Situation breiter Bevรถlkerungsschichten in der Weltwirtschaftskrise fรผhrte diese Umweltkrise zu Hungersnรถten unter der landwirtschaftlichen Bevรถlkerung und zur Vertreibung von Hunderttausenden von Farmern in Richtung Kalifornien, wo sie als ยซWirtschaftsflรผchtlingeยป alles andere als mit offenen Armen empfangen wurden.[1] Als Reaktion darauf wurde von der Roosevelt-Administration ein 160 km (!) breiter und von der Kanadischen Grenze bis nach Texas reichender Grรผngรผrtel, der ยซGreat Plains Shelterbeltยป, angelegt, um die Wรผstenstรผrme zu brechen und den mittleren Westen wieder bewohnbar zu machen. Beim รผber 12 Jahre dauernden Aufforstungsprojekt, das natรผrlich auch ein willkommenes Arbeitsbeschaffungsprogramm war, wurden 220 Millionen Bรคume gepflanzt, wohl bis heute eines der grรถssten รkologieprojekte รผberhaupt.
Drastische Massnahmen in der Kriegswirtschaft
Die Umstellung der Gesellschaft auf Kriegswirtschaft ist auch ein Beispiel dafรผr, wie relativ rasch in ausserordentlichen Situationen die Wirtschaft umgebaut werden kann. Dabei muss man nicht einmal das Beispiel eines Staates heranziehen, der aktiv ins Kriegsgeschehen eingreifen musste. Auch die Schweiz hat wรคhrend des zweiten Weltkrieges radikale Mittel ergriffen, um die Nรถte der Bevรถlkerung zu lindern und die Verteidigung des Landes zu sichern. Am bekanntesten in die ยซAnbauschlachtยป des damaligen Bundesrats Wahlen, der die Versorgung der Bevรถlkerung mit Grundnahrungsmitteln aus eigener Produktion sichern sollte. Geplant war eine Verdreifachung der Ackerbauflรคche, insbesondere fรผr den Anbau von Kartoffeln. Erreicht wurde schliesslich immerhin eine Verdoppelung.
Ab 1941 wurde nach deutschem Vorbild ein umfassendes Rationierungssystem eingefรผhrt, das nach und nach einen Grossteil aller Konsumgรผter umfasste und nach Konsumgewohnheiten und Einkommensverhรคltnissen differenziert wurde, um eine mรถglichst ยซgerechteยป Verteilung der Rationierungsmarken zu erreichen. Auch das Benzin wurde rationiert, was dazu fรผhrte, dass viele Halter von Fahrzeugen, die aus beruflichen oder anderen Grรผnden das Auto benรถtigten, ihre Fahrzeuge auf Holzvergaser umrรผsteten. Das war eine relativ komplizierte Konstruktion, die ermรถglichte, das explosive Gasgemisch fรผr die Verbrennung im Motor mittels Holzfeuerung zu erreichen. Dank Rationierung des Benzins wurde also schon damals mindestens temporรคr ein Teil der Fahrzeuge in der Schweiz auf CO2-freie Mobilitรคt umgestellt!
Rationierung gerechter?
Die Einschrรคnkung des privaten und gewerblichen Verkehrs geschah aber nicht nur durch Treibstoff-Rationierung. Da die Armee Fahrzeuge benรถtigte und zu wenig Geld fรผr den Import von Fahrzeugen vorhanden war, wurden zunรคchst private Lastwagen von der Armee requiriert, spรคter dann auch immer mehr Personenwagen. Das heisst, die Fahrzeuge wurden den Leuten einfach gegen eine bescheidene Entschรคdigung weggenommen, der private Motorfahrzeugverkehr kam praktisch zum Erliegen. Trotz dieser relativ einschneidenden Massnahmen scheint dieses System bei der Bevรถlkerung angesichts der Bedrohungslage der Schweiz auf keinen grรถsseren Widerstand gestossen zu sein. Insbesondere das Rationierungssystem wurde als ยซgerechtยป empfunden, da allen pro Kopf der Bevรถlkerung etwa gleich viele Gรผter zustanden. Ohne Rationierung lassen knapp werdende Gรผter die Preise in die Hรถhe schnellen, was nicht nur der Spekulation Auftrieb gibt, sondern auch dazu fรผhrt, dass sich nur noch Reiche diese Gรผter leisten kรถnnen und die รrmeren leer ausgehen.
In der heutigen Diskussion รผber die CO2-Abgabe auf Treibstoff oder den Flugticket-Zuschlag ist die gerechte Verteilung der Lasten ebenfalls ein grosses Thema. Ein Teil des Problems kann durch eine Lenkungsabgabe gelรถst werden. Das heisst, dass der grรถsste Teil der Lenkungsabgabe gleichmรคssig an die Bevรถlkerung zurรผckerstattet wird. Diejenigen, welche wenig Treibstoff brauchen oder wenig fliegen, erhalten dann mehr zurรผckerstattet als sie รผber den Zuschlag ausgeben. Das hat zwar eine zusรคtzliche Lenkungswirkung, lรถst aber das Verteilungsproblem nicht vollstรคndig. Leute mit sehr hohen Einkommen werden die zusรคtzlichen Kosten in Kauf nehmen und trotzdem am Wochenende nach New York fliegen oder mit ihrem schweren SUV herumfahren. Leute mit tiefen oder mittleren Einkommen kรถnnen sich das nicht mehr leisten. Kommt hinzu: Das Problem derjenigen, die aus verschiedenen Grรผnden auf ein Fahrzeug angewiesen sind, z.B. im Bergebiet wohnen und keine gute รV-Versorgung haben, ist damit nicht gelรถst.
Ist da nicht ein System mit Rationierung in Kombination mit Verboten gerechter und wรผrde von der Bevรถlkerung eher akzeptiert? So wรคre denkbar, dass den Fahrzeughaltenden z.B. ein Kontingent von max. 100 Litern Benzin/Diesel pro Monat zustรผnde. Dies kรถnnte je nach Region und Abdeckung mit รถffentlichem Verkehr abgestuft sein. Gewerbliche Fahrzeuge erhielten ein grรถsseres Kontingent. Beim Flugverkehr wรคre ein Kontingent von pro Person z.B. 3’000 Flugkilometern denkbar (heutige werden pro Kopf der Bevรถlkerung in der Schweiz 9’000 km pro Jahr geflogen!). Fรผr eine Reise in die USA mรผsste man dann zwei Jahre ยซansparenยป. Firmen bekรคmen zusรคtzliche Kontingente.
Lernen aus der Vergangenheit
Ein System der Rationierung kรถnnte durch klarere Emissionsgrenzwerte ergรคnzt werden. Angesichts der Tatsache, dass die CO2-Emissionen des Autoverkehrs im letzten Jahr trotz Grenzwerten angestiegen sind, mรผsste das System viel effektiver funktionieren als mit den heutigen Grenzwerten fรผr den Flottenverbrauch, die ja offenbar kaum etwas nรผtzen. Bei Personenwagen wรคre z.B. ein Verbot von Antrieben mit mehr als 120 Gramm CO2 mit einem jรคhrlichen Absenkungspfad von den heutigen technischen Mรถglichkeiten her ohne weiteres durchsetzbar. Beim Flugverkehr mรผssten Vorgaben gemacht werden fรผr die jรคhrliche Senkung des Anteils an fossilem Treibstoff.
Das System von Rationierungen ist in einem globalisierten Markt nicht so einfach realisierbar wie in Zeiten der Kriegswirtschaft. Bei einer Benzinrationierung wรผrde ohne strikte Zollkontrollen viel mehr im Ausland getankt oder es gรคbe sogar einen Handel mit illegalen Treibstoffimporten und einen Schwarzmarkt mit all seinen Auswรผchsen. Allerdings sind Rationierung und Verbote bereits heute kein Tabu mehr: Der Kanton Basel-Stadt kennt fรผr Neubauten und beim Ersatz bestehender Heizungen bereits ein Verbot von รl- und Gasheizungen und die Musterverordnung der Kantone fรผr den Energiebereich aus dem Jahr 2018 sieht dies eigentlich fรผr alle Kantone vor. Leider wurde dies in den meisten noch nicht umgesetzt. Bis jetzt gibt es aber kaum Opposition gegen solche Massnahmen, auch nur eher zaghaft vom Hauseigentรผmerverband und der Immobilienlobby. Warum ist ein รคhnlich striktes Regime wie bei Neubauten und Ersatzbauten nicht auch beim Individualverkehr und Flugverkehr mรถglich?
Die Erfahrung aus der Vergangenheit zeigt: Auch einschneidende Massnahmen und grosse Investitionen, ja sogar ein Umbau der Wirtschaft, werden von der Bevรถlkerung akzeptiert, wenn deren Dringlichkeit wie in Krisenzeiten offensichtlich ist und die Verteilung der Lasten nicht einseitig auf Kosten der unteren und mittleren Einkommensschichten oder einzelner Regionen geht. Wichtig ist zudem, dass vor allem die Verursachenden zur Kasse gebeten werden und die Massnahmen transparent sind. Im Moment scheint Vielen die Dringlichkeit von ยซNotstandsmassnahmenยป fรผr die Klimawende noch nicht bewusst zu sein, auch wenn die Klimastreiks eine enorme Bewegung ausgelรถst haben. Dies kann sich aber auch hierzulande schnell รคndern, wenn die persรถnliche Betroffenheit durch die Klimaverรคnderung รคhnlich gross wird wie in anderen Weltregionen, die von extremen Wettersituationen, รberschwemmungen, Trockenheit oder sogar Hungersnรถten heimgesucht werden.
[1] Beschrieben wurde dieses Elend eindrรผcklich von John Steinbeck in ยซFrรผchte des Zornsยป, besungen u.a. von Woody Guthry.
Klimawende verlangt mehr staatliche Investitionen
Journalisten picken gern jene Ergebnisse aus dem jรคhrlichen OECD-Bericht heraus, die ihnen gerade in den Kram passen. Im jรผngsten Bericht รผber die Schweiz (OECD 2019) zum Beispiel die Empfehlung, das Rentenalter der demographischen Entwicklung anzupassen bzw. zu flexibilisieren.
Der OECD-Lรคnderbericht geht aber auch auf andere, dringende Probleme ein. Wie in vielen anderen Industrielรคndern sinken oder stagnieren in der Schweiz die รถffentlichen Investitionen seit vielen Jahren. Das sind Investitionen in die Infrastruktur, also die Energieversorgung, den Verkehr, das Gesundheitswesen, das Bildungssystem usw. Tatsรคchlich sind die staatlichen Brutto-Anlageinvestitionen, darin eingerechnet sind alle Investitionen in den Ersatz und in den Unterhalt bestehender Anlagen, in der Schweiz seit 1997 nur um ca. 20 Prozent gestiegen, drei Mal weniger als das Bruttoinlandsprodukt. Die staatlichen Investitionen sind auch gemessen an den gesamten Ausgaben von Bund, Kantonen und Gemeinden gesunken, nรคmlich von รผber 7 Prozent auf ungefรคhr 6 Prozent im Jahr 2017. Von 2009 bis 2016 sind sie auf dem Niveau von rund 12 Milliarden Franken verharrt. Erst 2017 gab es wieder einen Anstieg auf gut 13 Milliarden. Der grรถsste Teil dieser Investitionen ging zudem in die Erneuerung und den Unterhalt der Infrastruktur. Nur Anlagen im Wert von ein bis zwei Milliarden waren in den letzten Jahren Neuinvestitionen, haben also tatsรคchlich das ยซVolksvermรถgenยป, vermehrt. Das ist bedeutend weniger als in den 1990er Jahren. Gemessen am Bruttoinhaltsprodukt sind die รถffentlichen Netto-Investitionen in der Schweiz deutlich tiefer als in anderen vergleichbaren Lรคndern. Wรคhrend dieser Wert im OECD-Durchschnitt in den letzten Jahren rund 0.5 Prozent betrug, investierte die รถffentliche Hand in der Schweiz gemessen am BIP nur rund 0.25 Prozent (OECD 2019, S. 35).
Staatlicher Handlungsspielraum wird kleiner
Die meisten Lรคnder weisen fรผr die letzten Jahre einen starken Anstieg und eine weitere Konzentration von Privatvermรถgen auf. Im Gegensatz dazu ist das รถffentliche Vermรถgen stagniert (Mรฉaulle 2019, S. 74). In der Schweiz mit ihren hohen Zuwรคchsen an Privatvermรถgen ist diese Diskrepanz besonders ausgeprรคgt. Wรคhrend seit der Jahrtausendwende das รถffentliche Vermรถgen nur um 1.4 Milliarden pro Jahr zugenommen hat, erhรถhte sich das private Nettovermรถgen jรคhrlich um รผber 130 Milliarden, also fast 100 Mal mehr (Crรฉdit Suisse 2019). Eine Rolle kann dabei auch die Privatisierung ehemals รถffentlicher Unternehmen, wie z.B. Spitรคler, gespielt haben. In der Schweiz, mit seiner relativ gut ausgebauten Infrastruktur, kann deshalb nicht gerade von ยซรถffentlicher Armutยป gesprochen werden. Zudem benรถtigt eine gut ausgebaute Infrastruktur in einer hoch entwickelten Volkswirtschaft immer mehr Mittel fรผr die Instandhaltung. Trotzdem: Durch die Konzentration des Reichtums bei Privaten bei gleichzeitiger Stagnation der รถffentlichen Vermรถgenswerte verringert sich der Spielraum des Staates zur Regulierung der Wirtschaft, fรผr Massnahmen gegen die zunehmende Ungleichheit aber auch fรผr neue Herausforderungen wie den Klimawandel.
Neue Herausforderungen bedingen hรถhere Investitionen
Dabei gรคbe es viel zu tun: Der jรผngste OECD-Bericht empfiehlt, vor allem dort mehr zu investieren, wo grosse Herausforderungen auf uns zukommen. Bei der Klimawende, der Alterung der Bevรถlkerung, bei der Bildung und Kinderbetreuung. Der schweizerische Thinktank Denknetz schรคtzt, dass fรผr die dringenden Massnahmen der Klimawende, wie die Energieversorgung oder der Umbau der Verkehrsinfrastruktur, und die sozialen Reformvorhaben in Bereichen wie Altersvorsorge, Langzeitpflege oder Kinderbetreuung, jรคhrliche Mehrausgaben von Bund, Kantonen und Gemeinden in der Hรถhe von รผber 50 Milliarden Franken nรถtig sind (Baumann u.a. 2019). Ein grosser Teil davon sind รถffentliche Investitionen und Investitionsbeitrรคge.
Der OECD-Bericht weist auch darauf hin, dass hรถhere รถffentliche Investitionen einen nรผtzlichen Nebeneffekt auf die Geldpolitik hรคtten. Davon ausgehend, dass ein Teil des Aufwertungsdruckes des Schweizer Frankens durch die hohen Leistungsbilanzรผberschรผsse verursacht werden, kรถnnen vermehrte รถffentliche Investitionen durch die Ankurbelung der Binnenwirtschaft dazu beitragen, diese รberschรผsse zu verringern und einer Aufwertung des Frankens entgegenzuwirken.

Quelle: Eidg. Finanzverwaltung, Finanzstatistik der Schweiz, div. Jahrgรคnge, eigene Berechnungen
Literatur
Baumann, Hans: Sinkende staatliche Investitionen gefรคhrden Wachstum. In: รkonomenstimme 27.6.2016.
Baumann, Hans, Kallenberger, Werner, Rey, Romeo, Wickli, Johannes (2019): Ohne radikale Umkehr in der Steuerpolitik verlieren alle. Denknetz Working Paper.
Crรฉdit Suisse Research Institute (2019): Global Wealth Databook, October 2019.
Eidgenรถssische Finanzverwaltung: Finanzstatistik der Schweiz. Div. Jahrgรคnge.
Fournier, Jean-Marc (2016): The Positive Effect of Public Investment on Potential Growth, OECD Working Papers No. 1347. Paris.
Marin, Dalia: Jetzt ist fรผr den deutschen Staat genau die richtige Zeit zu investieren. In: รkonomenstimme 30.8.2019.
Mรฉaulle, Matthieu (2019): Gewinne, Investitionen und Gleichheit: eine vorlรคufige Einschรคtzung. In: Peter Scherrer, Juliane Bir, Wolfgang Kowalsky, Reinhard Kuhlmann und Matthieu Mรฉaulle: Jetzt fรผr ein besseres Europa! Brรผssel.
OECD (2019): OECD Economic Surveys, Switzerland 2019. Paris.
รkologie und Gewerkschaften: Wie vor 35 Jahren alles begann
Schweizer Gewerkschaften spielten bezรผglich der รkologiefrage frรผher eine Art Vorreiterrolle. 1983 versuchte die damalige Gewerkschaft Bau und Holz GBH als erste Arbeitnehmerorganisation, die Forderung nach Beschรคftigungssicherung mit รถkologischen Anliegen zu verbinden. Das war nicht nur in der Schweiz sondern auch im internationalen Rahmen eine Pionierleistung. Heute, angesichts der Klimakatastrophe und der zahnlosen CO2-Politik, ist dies wieder hochaktuell.
Wirtschaftskrise, รlpreisschock und Kaiseraugst: Nachdem sich die Schweizer Wirtschaft von der grossen Wirtschaftskrise 1975/76 etwas erholt hatte, folgten 1982/83 wiederum zwei Rezessionsjahre, die allein in der Bauwirtschaft erneut rund 20โ000 Arbeitsplรคtze kostete. In breiten Kreisen der Bevรถlkerung wuchs gleichzeitig das Bewusstsein um die Endlichkeit der natรผrlichen Ressourcen, ausgelรถst durch den รlpreisschock und den Bericht des โClub of Romeโ von 1973 sowie dem bis anhin schwersten Reaktorunfall im Atomreaktor von Harrisburg (Three Miles Island, USA 1979). Grosse Teile der Linken in der Schweiz solidarisierte sich mit den Besetzern des geplanten Atomkraftwerks Kaiseraugst und kritisierten das โgrenzenlose Wachstumโ und die โVerbetonisierung der Schweizโ. Die Gewerkschaften taten sich zunรคchst schwer mit diesem Umdenken. Kraftwerks- und Autobahnbau wurde lang ausschliesslich mit der Schaffung von Arbeitsplรคtzen und der Sicherung des Wohlstands verbunden. Aber auch in den Gewerkschaften tat sich in diesen Jahren einiges. Mit der Ausdehnung des Organisationsbereiches auf die Angestellten und dem zunehmenden Einfluss der Neuen Linken wurden neue Ideen und neue Forderungen in die gewerkschaftlichen Diskussionen eingebracht. Neben รถkologischen Fragen ging es dabei auch darum, qualitative Aspekte der Arbeit und darunter vor allem die Arbeitszeitfrage wieder in den Vordergrund zu rรผcken. Dies lรถste zum Teil hitzige Diskussionen aus.
Das Programm von 1983: Die damalige Gewerkschaft Bau und Holz, GBH, eine Vor- gรคngergewerkschaft der heutigen Gewerkschaft UNIA, hatte sich unter dem Eindruck der Umweltbewegung und des Unfalls im Atomkraftwerk bei Harrisburg bereits 1982 gegen den Bau zusรคtzlicher Atomkraftwerke ausgesprochen und als Alternative gefordert, das vorhandene Energiesparpotential durch neue Technologien und Gebรคudesanierungen auszuschรถpfen. Dies war damals alles andere als selbstverstรคndlich. Denn am Bau und Betrieb neuer Kraftwerke hingen Zehntausende von Arbeitsplรคtzen. Vor allem die damalige Gewerkschaft der Maschinen- und Metallindustrie SMUV fuhr eine viel konservativere Linie und hielt lange an der Atomkraft als Kรถnigsweg fest.
Die Gewerkschaftsleitung der GBH beauftragte 1983 ein Berner Planungsbรผro damit, das mรถgliche Bauvolumen in der Schweiz aufzuzeigen, das gleichzeitig beschรคftigungswirksam aber auch รถkologisch und sozial vertretbar und sinnvoll ist. Die beiden grossen Schwerpunkte im Programm waren die Energiesparmassnahmen, vor allem Wรคrmedรคmmung an Gebรคuden und Solaranlagen und die Fรถrderung des รถffentlichen Verkehrs.
Allein fรผr diese beiden Bereiche wurde ein Arbeitsvolumen von rund 15โ000 Arbeitsplรคtzen wรคhrend 20 Jahren errechnet. So konnte aufgezeigt werden, dass mit Investitionen in den รถkologischen Umbau viel mehr und qualitativ bessere Arbeitsplรคtze geschaffen werden kรถnnen als beim Bau und Betrieb von Atomkraftwerken. Das Programm enthielt aber auch die Forderung nach Investitionen in landwirtschaftliche Bodenverbesserungen, Lรคrmschutz, Radwegbau, Alterseinrichtungen etc. Einige der vorgeschlagenen Massnahmen wurden spรคter realisiert, zum Beispiel mit der Bahn 2000 und den Alptransit-Verbindungen. Andere Massnahmen, wie die massive Fรถrderung der Solarenergie, stehen heute im Zuge des Klimawandels und der nรถtigen Energiewende erneut zur Diskussion.
Arbeitszeitverkรผrzung und vorzeitige Pensionierung: Das Programm von 1983 zeigte nicht nur die Beschรคftigungswirkung von Umweltschutz- und Energiesparmassnahmen auf. Unter dem Eindruck der starken Produktivitรคtszuwรคchse in der Schweizer Wirtschaft aber auch der zunehmenden Kรคmpfe um die 35-Stundenwoche im Ausland, zunรคchst in der deutschen Metallindustrie und spรคter auch in Frankreich, wurde auch die Beschรคftigungswirkung einer Arbeitszeitverkรผrzung erfasst. Damals wurde im Bau im Jahresdurchschnitt noch รผber 45 Stunden gearbeitet, eine Verkรผrzung auf 40 Stunden ergab einen Beschรคftigungseffekt von รผber 20โ000 Arbeitsplรคtzen. Auch die vorzeitige Pensionierung der Bauarbeiter wurde damals schon unter dem Aspekt der Beschรคftigungswirkung gefordert. Auch hier wurde die รkologiefrage angeschnitten: Produktivitรคtsfortschritte vermehrt fรผr kรผrzere Wochen- und Lebensarbeitszeit anstatt fรผr Lohnzuwรคchse zu verwenden, bedeutet auch weniger Konsum, weniger Umweltbelastung und mehr Lebensqualitรคt.
Tatsรคchlich wurde in den kommenden Jahren im Baugewerbe wie auch in anderen Branchen die Arbeitszeit von 45 auf rund 40 Stunden verkรผrzt und das Pensionsalter wurde 2003 auf dem Bau nach intensiven Arbeitskรคmpfen auf 60 Jahre herabgesetzt. Letztere Kampagne wurde dann allerdings nicht in erster Linie mit dem Argument der Beschรคftigungssicherung gefรผhrt, sondern als notwendige Antwort auf die massive Belastung der Bauarbeiter und den frรผhzeitigen kรถrperlichen Verschleiss durch die Bauarbeit.
Die Programme von 1991 und 1995: Das Programm โBauen und Bauarbeit 2000โ der GBH von 1991 enthielt dann neben einer Neueinschรคtzung des Beschรคftigungseffekts von รถkologisch sinnvollen Investitionen einen grรถsseren Teil zu den Themen Migration, Gesundheitsschutz, Arbeitsbelastung und Einkommenssituation auf dem Bau. Es diente auch der Vorbereitung der Verhandlungen mit den Arbeitgebern.
Von der Nachfolgeorganisati- on der GBH, der Gewerkschaft Bau und Industrie GBI wurde 1995 die Studie โEin รถkologisch sinnvolles Beschรคftigungsprogramm fรผr die Schweizโ in Auftrag gegeben. Sie stellte unter dem Eindruck der erneut krisenhaften Entwicklung der Schweizer Wirtschaft die Sicherung der Arbeitsplรคtze durch sinnvolle Investitionen und Fรถrderprogramme in den Vordergrund, wobei zwei Drittel der Mittel in den Schwerpunktbereich Energie fliessen und angesichts der be- ginnenden Diskussion รผber den Klimawandel einen Kurswechsel in Richtung โzweite solare Zivi- lisationโ einleiten sollten. Die Studie bezog sich entsprechend dem erweiterten Organisations- bereich der GBI auf die Gesamtwirtschaft und nicht nur auf den Sektor Bau.
Nachhaltige Wirkung in- und ausserhalb der Gewerkschaft Fรผr die Diskussion innerhalb der Gewerkschaften war das Programm von 1983 wichtig, da es aufzeigen konnte, dass Beschรคftigungssicherung und eine รถkologische, nachhaltige Entwicklung der Gesellschaft nicht unbedingt Gegensรคtze, sondern miteinander vereinbar sind. Nach der Jahrtausendwende gehรถrte es dann fast zum guten Ton, eine grรผne Wirtschaft zu propagieren, nicht nur von den Gewerkschaften, sondern auch – teilweise unkritisch – seitens diverser Parteien und Regierungen.
Das Programm von 1983 und die folgenden waren aber auch wichtig fรผr die Diskussion innerhalb der Linken. Staatliche Investitionsprogramme zur Schaffung von Arbeitsplรคtzen wurden von links und von der Frauenbewegung lang und teilweise zu Recht dafรผr kritisiert, dass sie einseitig nicht nur die Betonierung der Schweiz fรถrdern, sondern auch vor allem die Arbeitsplรคtze der Mรคnner sichern wรผrden. Die Studie von 1995 nahm diese Diskussion auf und hatte dann auch Einfluss auf die zwei Investitionsprogramme des Bundes in den 1990er Jahren, welche die steigende Arbeitslosigkeit bekรคmpfen sollten.
Diese โkeynesianischenโ Programme wurden damals gegen den Widerstand neoliberaler Kreise durchgesetzt, die deren Nutzen bezweifelten. Sie beinhalteten ausschliesslich die Sanierung und nicht den Neubau von Gebรคuden und umfassten auch Sektoren mit einer hohen Frauenbeschรคftigung, wie den Bildungssektor und die Kinderbetreuung.
All dies mรผsste heute in Hinblick auf eine klimaneutrale Wirtschaft und carbonfreie Produktion wieder aufgegriffen werden. Wie lassen sich eine neue Klimapolitik verbinden mit sozialer Gerechtigkeit, mit einem Ausbau des Care-Sektors, mit einer gerechteren Verteilung des Wohlstandes in der Welt? Um zu vermitteln, dass dies mรถglich ist und entsprechende Perspektiven aufzuzeigen, braucht es eine starke Bewegung, die von der Klimabewegung inspiriert ist, aber weit รผber sie hinausgehen muss. Dabei kรถnnen und sollen Gewerkschaften eine wichtige Rolle spielen. So wie sie es in der Vergangenheit getan haben.
Dieser Text erschien in Denknezt-Jahrbuch 2019