Reiche zahlen immer weniger Steuern

Reiche zahlen immer weniger Steuern
In der Krise muss erst recht wieder รผber Verteilung und Ungleichheit gesprochen werden.
In Zeiten der Covid-19-Pandemie rรผcken alle zusammen und wir konzentrieren uns richtigerweise darauf, wie wir so schnell wie mรถglich und unter Vermeidung von Tausenden von Opfern und einer langanhaltenden Rezession aus dieser Krise herauskommen. Bald dรผrften Verteilungsfragen aber wieder ins Zentrum rรผcken. Wer bezahlt letztlich fรผr die sozialen und wirtschaftlichen Folgen einer Krise? Wer muss die grรถssten Lasten tragen? Wer hat womรถglich sogar davon profitiert?
ยซDie Ungleichheit ist nicht รถkonomisch und technologisch bedingt. Sie ist ideologisch und politisch.ยป Thomas Piketty in ยซCapital et idรฉologieยป
In den letzten Monaten erschienen in den Medien Berichte รผber den hohen Anteil des Steueraufkommens der reichsten Steuerzahlenden. Dabei wird meist unterschlagen, dass die Reichen auch รผber einen unverhรคltnismรคssig hohen und stetig steigenden Anteil der Einkommen verfรผgen. Ebenso bleibt unerwรคhnt, dass in den letzten Jahrzehnten die Steuern fรผr Personen mit hohen Einkommen und fรผr Unternehmen gesunken sind.
Die betreffenden Berichte behaupten, dass die Reichen einen sehr hohen Anteil des Steueraufkommens berappen und dass das Schweizer Steuersystem so progressiv sei, dass es einen grossen Teil der bestehenden Einkommensungleichheit wieder von oben nach unten umverteile. Diese These wird vom Luzerner Professor Christoph Schaltegger, frรผher leitender รkonom beim Wirtschaftsverband Economiesuisse, prominent vertreten und in den Medien verbreitet. Tatsรคchlich bezahlt das reichste Prozent der Steuerzahlenden fast ein Viertel aller Steuern und die reichsten 10 Prozent zahlen sogar รผber die Hรคlfte aller Bundes- Kantons- und Gemeindesteuern.
Ungleiche Verteilung der Einkommen
Was diese Berichte unterschlagen, ist die Tatsache, dass die reichsten zehn Prozent unverhรคltnismรคssig hohe Einkommen aufweisen. Allein das reichste Prozent der Bevรถlkerung verfรผgt รผber mehr als 12 Prozent aller Einkommen, die reichsten zehn Prozent sogar รผber mehr als ein Drittel aller Einkommen. Gemรคss Statistik der Eidgenรถssischen Steuerverwaltung (ESTV) verdienen die zehn Prozent Reichsten fast doppelt so viel wie die Hรคlfte der Bevรถlkerung mit den tiefsten Einkommen. Da liegt es auf der Hand, dass sie einen wesentlich hรถheren Anteil der Steuern berappen mรผssen, der dank der Steuerprogression รผberproportional ist. Die progressive Wirkung verdanken wir vor allem dem Anteil der Bundessteuern, die eine deutlich hรถhere Progression aufweist als die Kantons- und Gemeindesteuern.

Quellen: ESTV, Steuerstatistik Direkte Bundessteuer, Dokumentation Tagesanzeiger 13.08.2019. Basis: Reineinkommen vor Steuern, Bundes-, Kantons- und Gemeindesteuern.
Dies entspricht den in der Bundesverfassung festgeschriebenen Grundsรคtzen. Gemรคss dem Verfassungsauftrag in Art. 127 muss bei der Besteuerung der ยซGrundsatz der wirtschaftlichen Leistungsfรคhigkeitยป beachtet werden. Dazu kommt, dass die Topeinkommen nur deshalb mรถglich sind, weil Unternehmen sich auf eine gute รถffentliche Infrastruktur, eine gut qualifizierte Belegschaft und das gemeinsam erarbeitet Wissen abstรผtzen kรถnnen. Topverdiener partizipieren รผberdurchschnittlich an den Ertrรคgen des Unternehmens. Es ist deshalb nur gerecht, wenn sie sich angemessen an der Finanzierung der รถffentlichen Investitionen und der Infrastruktur beteiligen.
Wรคhrend die unteren 50 Prozent der Steuerzahlenden einen kleineren Teil an die Steuern zahlen als es ihrem Einkommensanteil entspricht, zahlen die mittleren Einkommen bereits einen รผberproportionalen Anteil an Steuern. Die mittleren 40 Prozent haben gemรคss Steuerstatistik ein Reineinkommen von 52’000 bis 107’000 Franken, sind also alles andere als Grossverdiener und sind zudem stark belastet durch die hohen Krankenversicherungsprรคmien und die hohen Wohnungsmieten. Trotzdem mรผssen sie einen hรถheren Anteil an den Steuern berappen, als es ihrem Einkommensanteil entspricht.
Steuersenkungen
Das schweizerische System der Einkommenssteuern ist nicht die Umverteilungsmaschinerie, als die es oft dargestellt wird. Tatsรคchlich ist der Umverteilungseffekt der Steuern hierzulande viel kleiner als in vielen anderen Lรคndern. Kommt hinzu, dass Gutverdienende in den letzten Jahrzehnten durch verschiedene Steuerreformen entlastet wurden, womit der Um- bzw. Rรผckverteilungseffekt deutlich abnahm.[1] So bezahlte 1980 in der Stadt Zรผrich ein Paar ohne Kinder mit einem Brutto-Einkommen von einer halben Million fast 30 Prozent oder 150’000 Franken Kantons- und Gemeindesteuern. 2018 waren das nur noch 96’500 Franken oder 19.3 Prozent. Dabei ist zu berรผcksichtigen, dass zwischen 1980 und der Jahrtausendwende die Inflation eine Rolle spielte, so dass eine halbe Million Einkommen 20 Jahre spรคter einem deutlich tieferen Einkommen entsprach. Seit 2000 nahm die Teuerung nur noch um wenige Prozent zu, die Steuersenkungen waren aber immer noch betrรคchtlich (vgl. Grafik unten).

Quelle: ESTV, Steuerbelastung in den Kantonshauptorten, div. Jahrgรคnge. Basis: Kantons- Gemeinde- und Kirchensteuer.
In vielen Kantonen gab es Steuersenkungen, die speziell den Spitzenverdienenden zu Gute kamen, wie die Teilbesteuerung der Dividenden durch die Unternehmenssteuerreform II oder allgemeine Steuerfusssenkungen, von denen dank der Progression vor allem die Gutverdienenden profitierten. Auch der Grenzsteuersatz, also der Steuersatz, mit dem die hรถchsten Einkommensteile besteuert werden, nahm im Kanton Zรผrich deutlich ab, nรคmlich von 29.3 Prozent im Jahr 1990 auf 26.6 Prozent im Jahr 2018. Bei den Bundessteuern blieb der Grenzsteuersatz mit rund 11 Prozent etwa gleich.
Der obige Vergleich bezieht sich auf die Stadt Zรผrich. Die meisten Kantone und Gemeinden in der Schweiz kennen aber tiefere Steuersรคtze und haben in den letzten Jahren die Steuern fรผr Gutverdienende mehr gesenkt. So bezahlt man bei einem Brutto-Einkommen von einer Million Franken im Kanton Zรผrich 23 Prozent Steuern, im Kanton Zug jedoch weniger als die Hรคlfte, nรคmlich nur 10.2 Prozent. Dadurch ergibt sich fรผr Reiche die Mรถglichkeiten, mittels eines Wohnsitzwechsels Steuern einzusparen und die Steuerprogression zu umgehen. Die Rรผckverteilungswirkung der Steuern wird dadurch noch mehr abgeschwรคcht.
Die Schere geht auseinander
Als Argument fรผr die relativ geringe Umverteilungs- oder Rรผckverteilungswirkung des Schweizer Steuersystems wird oft erwรคhnt, dass die Einkommen hierzulande im Vergleich zum Ausland nicht besonders ungleich verteilt und die Verteilung sich in den letzten Jahrzehnten auch kaum verรคndert habe. Oder, um mit Prof. Schaltegger zu sprechen: ยซDie Einkommensverteilung in der Schweizer Gesellschaft ist รคusserst stabil und hat sich in den letzten Jahrzehnten kaum verรคndert. Weder nehmen die Spitzeneinkommen dramatisch zu, noch hat der Mittelstand wesentlich verloren oder hat eine Polarisierung der Gesellschaftsschichten stattgefunden.ยป[2] Eine solche Aussage grenzt, angesichts der Fakten und der zu diesem Thema gemachten Studien (auch derjenigen von Schaltegger selbst!), an Fake-News. Die Einkommensunterschiede haben sich hierzulande in den letzten Jahrzehnten deutlich vergrรถssert, wie in den meisten anderen Lรคndern auch. Da macht die Schweiz keineswegs eine Ausnahme.
So erhรถhte sich seit 1980 der Anteil der reichsten zehn Prozent der Bevรถlkerung am Gesamteinkommen von rund 28 Prozent auf heute gut 32 Prozent. Und wรคhrend bis Anfang der 1990er Jahre der Einkommensanteil der unteren 50 Prozent der Bevรถlkerung zwischen 27 und 28 Prozent betrug, sank er bis 2016 auf 25.6 Prozent (vgl. Grafik).[3]Ausgesprochen stark von dieser Entwicklung profitierten die Allerreichsten. So nahm der Anteil am Einkommen des obersten Prozents der Reichen seit 1980 um รผber 40 Prozent zu, wรคhrend es bei den obersten zehn Prozent ca. 14 Prozent Zuwachs waren und der Einkommensanteil der unteren Hรคlfte abnahm. Vor allem in den letzten Jahren legte das reichste Prozent nochmals rasant zu. In der gleichen Zeit hat der Anteil der Haushalte, deren Einkommen unter dem Existenzminimum liegen, zugenommen.


Quelle: World Inequality Database WID. Siehe Fussnote
Die Schere zwischen den hohen und vor allem den hรถchsten Einkommen zu den unteren und mittleren Einkommen ist also auch in der Schweiz deutlich auseinander gegangen.
Die obersten Einkommensschichten haben wesentlich mehr von der wirtschaftlichen und technologischen Entwicklung der letzten Jahrzehnte profitiert als die รผbrige Bevรถlkerung. Gemessen an ihrem Einkommen leisten sie aber immer weniger an Steuern und damit an die sozialen und รถkologischen Kosten dieser Entwicklung und an die รถffentliche Infrastruktur, auf welcher Ihr Reichtum zu einem wesentlichen Teil beruht. Die Rรผckverteilung durch den Staat und damit das Korrektiv der zunehmenden Ungleichheit verliert damit zunehmend an Wirksamkeit. Gerade in Krisenzeiten wie jetzt und in Hinblick auf grosse Herausforderungen wie die Klimawende muss das Steuersystem wieder gerechter werden. Verteilungsfragen sind fรผr die Politik aktueller denn je.
Robert Fluder, Prof. Berner Fachhochschule
Hans Baumann, รkonom und Publizist
[1] Im Denknetz sprechen wir รผblicherweise von Rรผckverteilung, nicht von Umverteilung, da die Umverteilung von unten nach oben schon vorher passiert und wir durch das Steuersystem eigentlich rรผckverteilen mรผssen.
[2] Christoph Schaltegger in Finanz und Wirtschaft, 9.01.2020
[3] Basis: Einkommen der Steuerzahlenden vor Steuerabzug. Gemรคss Bundessteuer-Statistik liegt der Anteil der unteren 50% noch tiefer, die Unterschiede beruhen auf unterschiedlicher Erfassung der Einkommen.
Herausragend und leicht verstรคndlich verfasst. Danke ๐ Hans. Es mรผsste nach der Corona-Krise effektiv etwas geschehen. Hoffentlich reagieren die entsprechenden PolitikerInnen…Nรถtig ist es